Campingliesel hat geschrieben:Aber es wird ja sowieso jeder das tun, was er will.
Du unterschätzt den gesellschaftlichen Druck, denn dieser ist dafür verantwortlich, dass manches eben nicht getan wird – gäbe es den nicht, würden viel mehr Menschen beim Baden alle Hüllen fallen lassen, denn wer mag schon nasse Klamotten am Leib.
Campingliesel hat geschrieben:Und ich glaube auch nicht, daß der Nudismus ausstirbt, sondern eben mal seine Höhen und Tiefen erleben wird. Momentan ist es wohl eher eine Talfahrt, weil viele durch die starke Sexualisierung verunsichert sind.
Dass der Nudismus ausstirbt, glaube ich auch nicht, aber dass für den gegenwärtigen Tief „die starke Sexualisierung“ schuld sei, das glaube ich nicht, schließlich haben die Nudisten ihr Verhalten nicht verändert.
Was sich aber geändert hat, ist der Blick der Jugend auf Sex und damit auch auf die Nacktheit. Dass es diese Verbindung gibt, ist klar, sonst wären alle Menschen Nudisten – weil es keinen vernünftigen Grund dagegen gibt. Aber weil Sitte und Gebräuche stärker sind als die Vernunft, bestimmen diese unser Leben mehr als die Vernunft.
Diese Änderung des Blickes auf Sex und Nacktheit umfasst übrigens die ganze Jugend, d.h. auch diejenigen, die in einem FKK-Elternhaus aufgewachsen sind. Das hat den einfachen Grund: Jugend macht nicht gerne das, was die Eltern tun. Das ist eine Erkenntnis aus der Konsumforschung. So wie die Jugend der 60er und 70er alles anders machte als ihre Eltern, so mach(t)e das die Jugend der 90er und 00er Jahre eben auch. Und weil diese 90er und 00er Jahre Jugend jetzt allmählich die Macht in diesem Staat übernimmt, werden die Freiheiten der 70er Jahren immer mehr eingeschränkt. Mehr darüber kannst du im Thread „Dokumente des gesellschaftlichen Wandels“ lesen.
Campingliesel hat geschrieben:Aber daß die Talfahrt in den 90ern angefangen hat, als die Sexualisierung mit den Sex-Videos schon überall bekannt war, und sich die damalige Jugend plötzlich davon stark distanziert hat, zeigt deutlich, daß gerade Jugendliche, die erst noch Erfahrungen machen müssen mit Sex und allem, was gut ist und was nicht, einen gesunden Instinkt haben, und eben nicht alles als gut hinnehmen, was damals die Leute unter FKK verstehen wollten.
Argumente sind austauschbar: So wie die 60er und 70er Jahre Jugend gesagt hat, hinweg mit der alten Moral, die Nacktheit mit Sex gleichsetzt, so sagt die heutige Jugend genau das Gegenteil: Öffentliche Nacktheit sei unmoralisch, sie ist etwas Intimes und gehört deswegen ins Schlafzimmer. Und genau das war auch das Argument derjenigen, die in vergangenen 100 Jahren – besonders stark in den 50er Jahren – gegen Nudismus waren. Du siehst: Die Geschichte wiederholt sich.
Campingliesel hat geschrieben:Man kann das mit der simplen Ausdrucksweise, daß sich "die Zeiten halt ändern", sagen, aber es ändern sich nicht die Zeiten, sondern die Leute, wie sie mit etwas umgehen.
Das ist kein Widerspruch: Der Ausdruck „die Zeiten ändern sich“ meint eben, dass Leute über bestimmte Dinge anders denken als zuvor.
Campingliesel hat geschrieben:Und wenn Jugendliche verunsichert sind, dann machen sie es nicht. Natürlich nicht alle, aber eben so viele, daß sich das deutlich bemerkbar gemacht hatte. Das gleiche gilt auch für Frauen, die sich dann auch nicht mehr so sicher fühlen konnten wie früher, als sie in den Vereinen nichts an sexuellen Anbaggereien zu befürchten hatten.
In den FKK-Vereinen haben Frauen nach wie vor nichts zu befürchten. In der freien Wildbahn ist das jedoch anders, weil, wie oben dargelegt, jetzt die Verbindung Nacktheit/Sexualität als gegeben gilt.
Campingliesel hat geschrieben:In der DDR war das ja nach den Erzählungen grundsätzlich anders, genau wie auch in vielen anderen Ländern. Woher dieser komplizierte Umgang mit der FKK in der BRD kommt, weiß ich allerdings auch nicht.
Nudismus war und ist ein Aufbegehren gegen Normen. Weil in der DDR der Druck der Regierenden auf das Volk, sich gesellschaftlich konform zu verhalten, größer war als in der BRD, war dort auch der Bedarf, sich etwas mehr Freiheit zu verschaffen, größer. So wurde Nudismus dort zu einem allumfassenden gesellschaftlichen Phänomen, dem die Obrigkeit nach anfänglichem Zögern widerwillig nachgab – dies vor allem, weil ihr vernünftige Gegenargumente fehlten.
In der Bundesrepublik gab es mehr Freiheit, also war der Drang nach Nudismus als Ersatz dafür, kleiner. Entsprechend kleiner war auch die FKK-Bewegung, die sich, wie zuvor schon in den 20er Jahren, in Form von Vereinen manifestierte. In der DDR war dies zum Glück wegen des rigiden Vereinsrechts nicht möglich, so dass der Nudismus dort gewissermaßen unreguliert blieb.