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Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Mi 1. Apr 2026, 20:25
von regenmacher
"Nacktwandern als Leitkultur" - das sage nicht ich, sondern Harald Markenstein, der für viele Jahre als Kolumnist für das Wochenblatt "DIE ZEIT" gearbeitet hat. Vor rund 2 Monaten im Kieler Kulturforum.
Ich will ergänzen, dass er damit bewusst durch die Überhöhung eine ironische Farbe in die Diskussion hineinbringt. So war es von ihm offensichtlich auch gedacht.
Was aber bleibt: Die seiner Meinung nach (typisch) deutsche Vorliebe für ungezwungene Naturverbundenheit im Zusammenhang mit dem Ablegen gesellschaftlicher Konventionen. Und ganz konkret mit dem Verzicht auf Kleidung. Ordnung ist ja auch eine den Deutschen gerne zugeschriebene Tugend. Wie bringt man ungezwungenes Nacktwandern mit Ordnung zusammen ? Das fragt er sich. Aber nicht mich. Ich hätte ihm eine Antwort geben können: "Indem man einen Nacktwanderverein e.V nach deutschem Vereinsrecht gründet". Den gibt es ja tatsächlich. Er hätte seine Freude daran, dies zu erfahren. "Typisch deutsch" würde er vermutlich antworten, worauf ich dann aber doch noch eine Überraschung hätte: In Frankreich gab es schon lange vor dem hiesigen "Nacktwandervein e.V" zwei nach dortigem Recht existierende Nacktwandervereine.
Nacktwandern - also nicht typisch deutsch, sondern - sagen wir einmal - typisch europäisch. Das sage ich aber nur einmal - denn das ist auch nicht so ganz richtig. Denn eine vormalige Präsidentin der amerikanischen "American Association of Nude Recreation" hat auch schon als Vertreterin der rund 30000 Mitglieder jener Association Reklame fürs Nacktwandern gemacht.
Also in Summe:
Nacktwandern - nicht nur typische deutsch - und auch nicht nur typisch europäisch - sondern typisch ... menschlich.
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Re: Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Do 2. Apr 2026, 06:52
von Bingo
@ Regenmacher
Von einer sogenannten „Leitkultur“ muss man nicht unbedingt ironisch sprechen. Bassam Tibi hat diesen Begriff verbindend für unterschiedliche kulturelle Lebensformen benutzt. Leitkultur wohl auch in Verbindung mit dem Wert einer toleranten Lebensführung.
Misslungen ist es Friedrich Merz in der politischen Debatte, der gerne einer „deutschen Leitkultur“ den Vorrang Migranten gegenüber lancieren wollte. Das war ein Fehltritt, denn das Grundgesetz Art. 2 – relevant für die Wahl der Lebensformen (Handlungsfreiheit) – gilt nicht nur für die Deutschen, sondern für alle in Deutschland lebenden Bürger. Die mit diesem Artikel gestatteten Lebensformen sind dann vielfältig und wechselseitig unter und von den Bürgern zu tolerieren als Pflicht. Denn ohne einer Toleranzpflicht rechtlich gestatteter Lebensformen könnte es diese eben nicht geben.
Darauf hat Christof Gramm sehr deutlich (wohl auch an Friedrich Merz gerichtet) in seinem Artikel hingewiesen:+
Leitkultur Verfassungskultur
Menschenwürde, Gewaltverzicht, Freiheit, Rechtsstaat, Demokratie,
Gleichberechtigung, sozialer Schutz, Trennung von Staat und Religion –
unsere Identität.
FAZ 21.07.2017, von Christof Gramm (Ehemals Chef vom MAD)
Insoweit ist Nacktwandern für die Freunde des Nacktseins eben doch eine zu tolerierende Leitkultur und nicht nur in Deutschland; aber eben nicht für alle Bürger auf dieser Welt. Unterschiedliche Kulturen (z. B. Lebensarten betreffen) existieren nebeneinander wertfrei. Insoweit gehört zur Freiheit auch immer die Toleranz. Also auch die Toleranz der sozialadäquaten Nacktheit in der Öffentlichkeit.
Re: Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Do 2. Apr 2026, 10:58
von Arno Nühm
@regenmacher "Harald Mar
kenstein" ist ein Tippfehler, oder? Ich nehme an, Du meinst den jetzigen BILD-Kolumnisten Harald Mar
tenstein (
https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Martenstein?
Zum Inhaltlichen: ich finde es schwierig, eine von weit weniger als 0.01% der Bevölkerung betriebene Aktivität (wie viele aktive Nacktwanderer gibt es in DE? Ein paar hundert, vielleicht wenige tausend?) zur "Leitkultur" zu rechnen. Was ich mir dagegen als "Leitkultur"
wünschen würde, ist ein allgemeines "Leben und leben lassen", welches die Toleranz gegenüber Dingen wie Nacktwandern einschließt.
@Bingo Friedrich Merz ist bei weitem nicht der erste, der den Leitkulturbegriff in einer ausgrenzenden Weise verwendet. Ich kann mich noch gut an entsprechende Debatten vor ~10-15 Jahren erinnern, damals unter "
christliche Leitkultur" (Seehofer?). Insofern sehe ich den Begriff eigentlich sowieso eher kritisch.
A.
Re: Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Do 2. Apr 2026, 12:10
von Bingo
@ Arno Nühm
Aus Wikipedia kopiert:
„Leitkultur ist ein Begriff, der von dem Politologen Bassam Tibi in die politikwissenschaftliche Debatte eingeführt wurde, um einen auf europäischen Werten basierenden gesellschaftlichen Konsens zu beschreiben, der als Klammer zwischen Deutschen und Migranten dienen soll. Nach einem Artikel des CDU-Innenpolitikers Jörg Schönbohm aus dem Jahr 1998 und einem Zeitungsinterview mit dem CDU-Abgeordneten Friedrich Merz im Jahr 2000 wird der Begriff in der politischen Diskussion – verengt als „deutsche Leitkultur“ – im Zusammenhang mit dem Themenkomplex Zuwanderung und Integration von Einwanderern bzw. als Gegenbegriff zum Multikulturalismus verwendet. Der Begriff der „deutschen Leitkultur“ impliziere, dass alle Deutschen trotz ihrer Individualität Gemeinsamkeiten hätten. Der Begriff wird im rechtspopulistischen Spektrum verwendet, um sich von vermeintlich Fremden abzugrenzen.“
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Die Kritik an dem Begriff „Leitkultur“ von Christof Gramm in der FAZ stammt aus 2017 und richtete sich meiner Meinung nach stark gegen Friedrich Merz. Ja, wir brauchen sicher keine „Leit“kultur; aber absolut kulturelles Verhalten und dazu gehört eben auch TOLERANZ.
Re: Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Do 2. Apr 2026, 13:44
von Arno Nühm
Bingo hat geschrieben: Die Kritik an dem Begriff „Leitkultur“ von Christof Gramm in der FAZ stammt aus 2017
Ok, das hatte ich übersehen. Bei "Merz" hatte ich gedacht das wäre aktueller.
Aber ja, das was ich im Hinterkopf hatte war auch die Debatte von 2016/17, u.a. mit dem unsäglichen de Maiziere-Artikel.
Die Ursprünge des Ganzen Ende der 90er / Anfang der 2000er sind weitgehend an mir vorbei gegangen, da ich zu dem Zeitpunkt im Ausland gelebt habe.
Ansonsten stimme ich dir zu - wir brauchen keine "Leitkultur" im Sinne von Merz, Dobrindt oder Kretschmer, sondern einen Konsens über gewisse Grundwerte, zu denen auch die Toleranz gehört.
A.
Re: Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Do 2. Apr 2026, 14:16
von Bingo
@ Arno Nühm
Zu: „sondern einen Konsens über gewisse Grundwerte, zu denen auch die Toleranz gehört.“
Die Forderung nach einem „Konsens“ ist mir zu wenig. Ich folge gerne den Ausführungen von Christof Gramm in dem fraglichen Aufsatz, dass Toleranz zu rechtlich zulässigen Lebensformen – dazu zähle ich auch die sozialadäquate Nacktheit in der Öffentlichkeit – eine grundgesetzliche Pflicht ist, die man ggf. einfordern sollte. Und wer das glaubt, negieren zu können, gehört zu den Intoleranten. Denen gebührt keine Toleranz (Karl Raimund Popper). Insoweit sehe ich nie Probleme, wenn ich in meinem weiteren Umfeld mit meinem Hund Timmy nackt laufe. Auch wenn ich mit diesem Anspruch zu einer absoluten Minderheit gehöre – ich folge Deiner Einschätzung hinsichtlich der Anzahl aktiver Nacktwanderer, lasse ich mir diese besondere Lebensart nicht streitig machen.
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Re: Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Do 2. Apr 2026, 18:22
von FKK-Hugo
Das geht schon allein wegen der starken muslimischen Zuwanderung nicht. Viele Muslime lehnen schon Schwimmunterricht für Mädchen ab.
Re: Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Do 2. Apr 2026, 18:38
von Arno Nühm
Bingo hat geschrieben:Die Forderung nach einem „Konsens“ ist mir zu wenig.
Ich würde da etwas anders argumentieren. Die Grenzen der Toleranz sind, soweit sie über das grundgesetzlich garantierte Minimum hinausgehen, immer Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Insofern wäre ein Konsens, der über dieses Minimum hinausgeht, der (ggf. rechtlichen) Durchsetzung dieses Minimums vorzuziehen.
N.B. Das "Einfordern" der Toleranz für das Nacktwandern ist m.E. sowieso ziemlich dünnes Eis, auch im Hinblick auf die aktuelle Rechtslage. Denn die läßt sich (verkürzt) als "öffentliche Nacktheit ist erlaubt solange sie keinen stört" zusammenfassen...
A.
Re: Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Do 2. Apr 2026, 19:00
von Bingo
@ Arno Nühm
Ich meine, die „aktuelle Rechtslage“ darf man auf keinen Fall so verkürzt darstellen, wie Du geschrieben hast:
„Denn die läßt sich (verkürzt) als "öffentliche Nacktheit ist erlaubt solange sie keinen stört" zusammenfassen...“
Gerade das ist vollkommen verkehrt: Die „fragliche“ öffentliche Nacktheit wird gerichtlich geahndet (nicht erlaubt), weil sie einen gestört hat!
Die Diskussion zur tatsächlichen Rechtslage sollten wir hier sicher nicht neu eröffnen.
Re: Nacktwandern - als "Leitkultur"

Verfasst:
Do 2. Apr 2026, 19:44
von Arno Nühm
Bingo hat geschrieben:Die Diskussion zur tatsächlichen Rechtslage sollten wir hier sicher nicht neu eröffnen.
Das sollten wir in der Tat nicht, auch wenn ich den (praktischen) Unterschied zwischen "erlaubt wenn es
keinen stört" und "verboten wenn es
einen stört" nicht so ganz verstehe.
A.