Matheo hat geschrieben: Könnte es sein, dass der Umgang mit der FKK in der DDR etwas mit Geburtenkontrolle zu tun hatte?Freizügigkeit = mehr Kinder?
Schöne These, vor allem weil man damit gegenüber der heutigen Politik für eine Förderung der FKK argumentieren könnte
Aber m.E. kaum haltbar. Die DDR hat zwar vieles für eine Erhöhung der Geburtenrate getan, aber
das gehörte nun eher nicht dazu. Außerdem spricht die Statistik dagegen: Zum einen begann die Popularität der FKK in der DDR
bevor die sinkende Geburtenrate zum Problem wurde (Mitte 60er ggü. Anfang 70er), zum anderen lag zwar die Geburtenrate in der DDR vor allem in den späten 70ern und frühen 80ern in der Tat deutlich über der in der damaligen BRD (~1.9 ggü. ~1.4), aber im Laufe der 80er-Jahre gab es da eine deutliche Annäherung und 1990 kaum noch einen Unterschied (1.52 ggü. 1.45 Detail siehe [1]). Und zwar obwohl die Entwicklung der FKK in Ost und West in den 80ern unterschiedlicher kaum hätte sein können (Boom im Osten, Rückgang im Westen).
Ansonsten bin ich schon etwas entsetzt wie die Ost / West Debatte hier eskaliert ist.
Als jemand der in der DDR geboren und aufgewachsen ist (Jg. 70), seit fast 20 Jahren im Westen lebt (und davor knapp 10 Jahre im Ausland), regelmäßig zwischen Ost und West pendelt und dementsprechend Freundeskreise auf beiden Seiten hat denke ich, dass ich einen ganz guten Einblick in die Ost / West-Verhältnisse habe. Klar gibt es immer noch Unterschiede zwischen Ost und West und die sehe ich auch in meinem Bekanntenkreis. Und zwar obwohl sich Ost- und Westteil des Bekanntenkreises sozial so gut wie nicht unterscheiden: beides weitgehend urbanes akademisches Milieu, mehrheitlich Generation X - im Westen die Kollegen und im Osten viele Leute, die ich noch vom Studium kenne. Interessanterweise sind zwei der auffälligen Unterschiede (1) Religion : Im Osten nur einer, im Westen in etwa die Hälfte, und (2) FKK: Im Osten die Mehrheit, im Westen praktisch keiner.
Sicher betrifft das insbesondere die Generationen, die die Vorwendezeit noch bewusst erlebt haben und weniger die Jüngeren, aber gewisse Unterschiede werden wahrscheinlich noch lange bleiben. U.a. weil es relativ wenig Binnenmigration (vor allem von West nach Ost) gibt. Aber ich sehe da auch kein Problem darin - andere Länder leben mit wesentlich größeren kulturellen Unterschieden zwischen Regionen (Flamen / Wallonen, Nord- / Süditalien). Und sich jetzt nach mehr als 30 Jahren die Fehler der Nachwendezeit (die auf beiden Seiten gemacht wurden) um die Ohren zu hauen ist auch nicht sonderlich produktiv.
A.
PS. Zu Ost/West-Klischees gab es in den 90ern bei uns einen schönen Witz: Was bekommt man, wenn man einen Ossi mit einem Wessi kreuzt? Einen arroganten Arbeitslosen!
[1]
https://de.statista.com/statistik/daten ... d-und-ddr/